
BESTAND ALS ZUSTAND
Bauen im Bestand ist zu einem der zentralen Themen der Bauwende geworden – und das völlig zurecht. Im Umgang mit dem Bestand liegt das Potenzial, aktuelle und zukünftige Herausforderungen zu lösen. Trotzdem wird weiterhin abgerissen. Wenn es um die politische Frage des Wohnens geht, wird auf Neubau gesetzt – anstatt das Potenzial des Bestands und die darin enthaltene graue Energie zu nutzen.
Dabei sollte der Schutz des Bestands zur Selbstverständlichkeit werden – unabhängig davon, ob ein Gebäude unter Denkmalschutz steht oder nicht. Politische Instrumente wie ein Abrissmoratorium, ein erweiterter Bestandsschutz oder rechtliche Hürden beim Abriss könnten einen Beitrag dazu leisten. Der Bestand muss Vorrang haben, insbesondere dann, wenn ein Neubau lediglich ein bestehendes Gebäude ersetzt.
Dabei gilt: Kein Gebäude ist jemals fertig! Wer kontinuierlich am Bestand arbeitet, wer repariert und das Weiterbauen von Beginn an mitdenkt, vermeidet tiefgreifende Eingriffe. Man darf nicht abwarten, bis eine Instandsetzung aufwendiger wird als ein Neubau. Man muss vorher schon eingreifen. Architektur sollte als Prozess verstanden werden – als etwas, das sich ständig verändert, ergänzt, erneuert. Das bedeutet, das Unfertige zu akzeptieren und den Gedanken des Fertigbauens loszulassen. Im Sinne einer ‚Slow Architecture‘ geht es darum, die kleinen, substanzerhaltenden Eingriffe wertzuschätzen. Nicht das große, allumfassende Projekt steht im Vordergrund, sondern die sorgsame Weiterentwicklung im Detail – wie in der Medizin: heilen statt ersetzen. Reparieren wird zur architektonischen Disziplin und Substanzerhalt zur Priorität. So lassen sich auch mit kleineren Budgets wirksame Maßnahmen umsetzen, die Leerstand, Verfall und Schäden verhindern.
Diese Haltung führt zu einer neuen Ästhetik – der Ästhetik des Unfertigen. Viele alte Gebäude faszinieren uns gerade weil sie Gebrauchsspuren tragen. Ihr Charme liegt im Lebendigen, im Unperfekten, im Sichtbaren ihrer Geschichte. Es geht uns nicht darum, den Bestand zu überformen, sondern seine Spuren zu lesen und zu respektieren. Zwischenzustände dürfen sichtbar bleiben – nicht alles muss abgeschlossen sein. Manchmal ist das, was wir nichtbauen, genauso wichtig wie das, was wir bauen.
Aus der Wertschätzung des Bestehenden ergibt sich, dass jede Substanz grundsätzlich erhaltenswert ist, weil sie Ausdruck von Geschichte, Identität und kulturellem Gedächtnis ist und graue Energie in Form bereits verbauter Ressourcen enthält, ob denkmalgeschützt oder nicht. Eine Architektur, die sich aus dem Vorhandenen entwickelt, ist individueller und schafft Identifikationspotenzial für ihre Nutzenden. Je hochwertiger der Bestand und die verwendeten Materialien, desto sorgsamer der Umgang damit. Reparatur statt Abriss bedeutet Ressourcenschonung, Verantwortung und Respekt – ohne in Nostalgie zu verfallen oder zu rekonstruieren, sondern mit dem Ziel, das Bestehende weiterzudenken.
So entsteht Baukultur, die auf Dauerhaftigkeit, Wandelbarkeit und Wertschätzung beruht. Wir sollten Gebäude so weiterbauen, dass sie sich an neue Anforderungen anpassen lassen – und sich im besten Fall auch wieder für zukünftige Umnutzungen problemlos zurückbauen lassen. Bestand als Zustand heißt, Architektur nicht als fertiges Produkt zu verstehen, sondern als fortlaufende Aufgabe.
Oktober 2024

SUBSTANZ STATT ANTLITZ
Die Denkmalpflege spielt eine unverzichtbare Rolle beim Erhalt unserer gebauten Umwelt. Doch allzu oft richtet sich ihr Blick auf das Äußere – auf Fassaden, auf städtebaulich markante Elemente, auf einzelne herausragende Objekte. Dabei bleibt vieles unbeachtet: unscheinbare Denkmale in zweiter Reihe, im ländlichen Raum oder solche, die trotz Schutzstatus vom Abriss bedroht sind. Noch zahlreicher sind die Gebäude, die zwar erhaltenswert wären, aber nicht unter Schutz gestellt werden.
In der Praxis wird ein Denkmal-Status oft als Hürde empfunden – als wirtschaftliche oder bürokratische Last. Dabei kann die Denkmalpflege die Weichen stellen für einen progressiven Umgang mit dem Bestand, der sich nicht auf die Antlitzpflege, sondern Substanzerhalt konzentriert.
„Denkmalpflege ist eine schöpferische, vorausschauende Disziplin“ lautet der erste Satz im Klappentext des Sammelbands „Kunst des Bewahrens“ von Architekt und Denkmalpfleger Thomas Will.* Dies ist eine Ermutigung, kreative Transformationsprozesse zuzulassen und zukunftsgerichtet zu planen. Denkmalpflegerische Vorgaben dürfen nicht dazu führen, dass eine zeitgemäße Nutzung durch die Anforderungen unpraktisch oder unmöglich wird. Es muss nicht alles fertig oder perfekt sein, damit ein Gebäude genutzt werden kann.
Eine progressive Denkmalpflege richtet den Blick auf das Wesentliche: auf die Substanz. Sie verhindert Abriss oder erschwert ihn und macht den Erhalt und das behutsame Weiterbauen zur Regel – nicht zur Ausnahme. Es geht nicht darum, historische Idealzustände zu konservieren oder zu rekonstruieren, sondern das Vorhandene so zu stärken, dass es zukunftsfähig bleibt.
Gebäude müssen aneignungsfähig und anpassungsfähig sein – wandelbar, reparierbar, reversibel. Haustechnik, Ausbau und Möblierung sollten die Substanz nicht beeinträchtigen, sondern sie schützen und stützen. Je früher man mit Pflege, Reparatur und Nutzung beginnt, desto länger kann Bestand erhalten werden. Leerstand ist der erste Schritt zum Verlust – Zwischennutzungen können ihn verhindern. Wir begreifen das Bauen als kontinuierlichen Prozess – als eines von vielen Kapiteln in der Fortschreibung der Geschichte eines Bauwerks, dessen fortlaufende Pflege radikale Eingriffe überflüssig macht.
Reparieren und Substanzerhalt sollten unserer Meinung nach gefördert werden – politisch, gesellschaftlich, finanziell – denn kaum etwas ist nachhaltiger als Erhalt. Wir wünschen uns ein denkmalpflegerisches Selbstverständnis, welches sich vom Augenscheinlichen löst, nicht rückwärtsgewandt pauschal restauriert und konserviert, sondern vorausschauend erhält. Wir wünschen uns eine Denkmalpflege, die Partnerin ist – stark, zukunftsgerichtet und offen für das Unfertige. Eine Denkmalpflege, die Substanz schützt, statt nur das Antlitz zu bewahren.
Oktober 2024
* Will, Thomas: Kunst des Bewahrens. Denkmalpflege, Architektur und Stadt. Reimer, 2020.

VERHANDELN VOR HANDELN
Viele Projekte beginnen mit einer konkreten Aufgabenstellung – häufig einhergehend mit ersten Vorstellungen der Auftraggebenden über das spätere Resultat. Doch jede Aufgabenstellung ist ein Rahmen, der nicht nur Orientierung gibt, sondern auch einschränken kann. Deshalb ist es entscheidend, diesen Rahmen gleich zu Beginn kritisch zu hinterfragen und Möglichkeiten aufzuzeigen.
Am Anfang steht nicht der Entwurf, sondern das Gespräch: ein gemeinsames, offenes Verhandeln der eigentlichen Ziele. Besonders beim Bauen im Bestand – aber auch grundsätzlich – muss zuerst geklärt werden, was wirklich gebraucht wird. Wir müssen quantitative und baurechtliche Anforderungen mit der Nutzung, den Inhalten und den Bedarfen abwägen und gemeinsam mit den Auftraggebenden ausarbeiten, was die minimalen Anforderungen sind und ab wo der Luxus beginnt. Wie groß ist der Raumbedarf? Welche müssen beheizt werden? Wo kann durch Mehrfachnutzung und Flächenoptimierung der Ressourcenverbrauch gesenkt werden? (s. Function Follows Form). In der Anfangsphase liegt das größte Potenzial, Baukosten zu sparen und den ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Gleiches gilt, wenn wir mit Auftraggebenden zusammenarbeiten, die noch keine Aufgabenstellung haben, die wir unterstützten herauszufinden, was sie brauchen, die optimale Nutzung für ein Objekt finden.
Wir müssen die Bedarfe hinterfragen, um eine gemeinsame Vision zu entwickeln, die nicht auf Maximalforderungen, sondern auf tatsächlichen Bedürfnissen basiert. Wenn alle Beteiligten ehrlich ihre Anforderungen formulieren, kann ein minimales, aber tragfähiges gemeinsames Ergebnis entstehen – der kleinstmögliche Eingriff.
Verhandeln vor Handeln bedeutet eine Neudefinition der Rollen. Es ist überholt zu denken, die Aufgabe wäre alleinig die Autorenschaft eines Entwurfs. Es geht vielmehr darum, den Prozess gemeinsam mit allen Beteiligten, den Auftraggebenden, der Fachplanungsbüros, den Handwerksbetrieben und Behörden zu moderieren und innerhalb der Konflikte, Interessen und Diskussionen zu vermitteln. Um dieser Rolle gerecht zu werden, ist es wichtig, selbst Position zu beziehen, eine Haltung zu entwickeln und Prinzipien festzulegen. (s. Haltung vor Handschrift)
Diese Haltung prägt nicht nur unsere tägliche Praxis, sondern auch unser Verständnis von Architektur. Sie ist keine bloße Dienstleistung – sie formt unsere Umwelt, beeinflusst unser Zusammenleben und verpflichtet uns zu einem sorgfältigen, bewussten Umgang mit Ressourcen und Bestand.
Die Maxime Verhandeln vor Handeln durchzieht den gesamten Projektverlauf. Das ständige Hinterfragen hilft uns, die Regeln und ihre Umwege zu verstehen, Zielkonflikte zu moderieren, Rollen neu zu definieren und gemeinsam tragfähige, nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Auch in der Lehre müssen die kommunikativen Soft Skills und Verhandlungsstrategien stärker gefördert werden. Erst wenn alle mit dem gleichen Verständnis und Ziel an einem Strang ziehen, beginnen wir mit der Umsetzung. Denn nur so entsteht Architektur, die ihrer ethischen Verantwortung gerecht wird – substanzerhaltend, ressourcenschonend und zukunftsfähig.
Oktober 2024

VORSPRUNG OHNE TECHNIK
Die langjährige Arbeit mit historischer Bausubstanz hat uns vor allem eins gezeigt: Je älter ein Gebäude, desto sortenreiner wurde gebaut und desto einfacher ist es, es aus technischer Sicht instand zu halten. Beim Umgang mit Bestand lernt man viel über einfaches Bauen, nachhaltige, natürliche Materialien und handwerkliche Qualität – je oller, je doller!
Dem gegenüber steht die Art, wie aktuell noch vorrangig gebaut wird. Im Bereich der vermeintlich nachhaltigen Architektur wird häufig auf die neueste Technik, innovative Materialien und das Erfüllen von Richtwerten gesetzt, anstelle zu hinterfragen, ob nicht das Weglassen die nachhaltigere Lösung ist. Bereits jetzt merken wir, wie schwierig der Umgang mit Stahlbeton, Verbundstoffen und schlecht gedämmten postmodernen Glas-Stahl-Konstruktionen ist. Da viele Bauwerke aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht unter Denkmalschutz stehen, werden vergleichsweise junge Gebäude oftmals lieber abgerissen und ersetzt, anstatt sie zu erhalten und zu sanieren.
Zu Beginn eines Projekts müssen daher die tatsächlichen Bedarfe ehrlich hinterfragt werden. Auftraggebende, Planende und Haustechnik müssen sich frühzeitig einig werden, um ein gemeinsames Ziel zu definieren. Nur so kann ein Projekt gelingen. Man sollte sich dabei auf ein Mindestmaß einigen: nur das Nötigste – less is more.
Natürlich gibt es viele technische Innovationen, die wichtig sind und einen praktischen Nutzen haben. Doch werden sie auch an der richtigen Stelle und in einem angemessenen Ausmaß eingesetzt? Smart-Home-Systeme sind vielleicht ein interessantes Spielzeug für technikbegeisterte, wohlhabende Personen – unsere Projekte sollen jedoch bewusst einfach gehalten werden, damit möglichst viele Menschen sie nutzen können und davon profitieren. Es braucht eine Abkehr von der Technikgläubigkeit. Vor allem der Glaube, mehr oder bessere Technik würde unsere Probleme – insbesondere unsere Nachhaltigkeitsprobleme – lösen muss unserer Meinung nach kritisch hinterfragt werden.
Wie viele Haustechnikanlagen in Deutschland sind falsch eingestellt? Eine berechtigte Frage, denn jede Technik, die eingebaut wird, muss auch bedient und gewartet werden. Einfachere und vor allem weniger technische Systeme können von mehr Menschen verstanden, genutzt und gepflegt werden. Komplexe, überregulierte haustechnische Anlagen erschweren nicht nur die Nutzung, sondern erhöhen auch die Abhängigkeit von Wartung und Spezialwissen. Das bedeutet nicht, dass man sich Technik grundsätzlich versperren sollte, sondern dass man kritisch hinterfragt, was wirklich nötig ist. Oftmals reichen einfache Lösungen aus: Eine natürliche Belüftung – also schlicht das Öffnen von Fenstern – kann in vielen Fällen eine Lüftungsanlage ersetzen. Ebenso können intelligente Konzepte entwickelt werden, die nicht auf neuer Technik beruhen, etwa jahreszeitliche Nutzungen oder flexible Raumanpassungen („Saison Plus“). Durch die Verwendung einfacher technischer Ansätze und langlebiger, reparaturfreundlicher Materialien können so nicht nur materielle, sondern auch finanzielle Ressourcen gespart werden.
Auch in Bezug auf Reparaturen gilt: Je weniger man hat, desto weniger kann kaputtgehen. Technische Systeme haben meist eine kurze Halbwertszeit – Haustechnik muss regelmäßig ausgetauscht werden. Daher sind Langlebigkeit, Dauerhaftigkeit und Wertigkeit die entscheidenden Eigenschaften bei der Auswahl von Materialien und Technik.
Wir bauen heute den Bestand der Zukunft – lasst ihn uns FÜR die Zukunft bauen!
Oktober 2024

KOOPERATIV STATT KOMPETITIV
Konkurrenz prägt viele Lebensbereiche – auch unsere Hochschulen sind nicht frei davon. Im Architekturstudium wird vielerorts auf individuelle Entwürfe und Wettbewerb und dadurch rivalisierendes und vergleichendes Denken vermittelt. Doch spiegelt das die Realität unseres Berufsbildes wider?
Die Praxis zeigt: Architektur ist Teamwork. Ein Bauwerk ist immer das Ergebnis der Zusammenarbeit vieler. Es bedarf der fachlichen und spezifischen Expertise von Architektinnen und Architekten, Auftraggebenden, Fachplanenden und ausführenden Firmen und Gewerken, damit ein Projekt gelingen kann. Erst im offenen Austausch und im gemeinsamen Ringen um die beste Lösung entsteht das, was wir Baukultur nennen. Das ist gelebte Transdisziplinarität.
Diese Haltung sollte bereits in der Ausbildung beginnen. Statt Einzelautorenschaft zu lehren, sollte das Studium Kooperation und disziplinübergreifende Zusammenarbeit fördern. Miteinander und voneinander können wir lernen, neue Perspektiven und Methoden in unsere Arbeit einzubinden. Durch das Teilen von Wissen und Erfahrungen und Offenheit gegenüber anderen Herangehensweisen können nachhaltige, zukunftsfähige Lösungen entstehen.
In der Zusammenarbeit von erfahrenen und weniger erfahrenen Kolleginnen und Kollegen kann man voneinander lernen und sich gemeinsam weiterentwickeln. Die Kooperation mit Nachwuchskräften und jungen Büros bringt einerseits frische Perspektiven und ermöglicht andererseits Zugänge zum Beruf, zum Markt und zu neuen Formen des Arbeitens. Wissen wird geteilt und Lernen wird zum dauerhaften Prozess.
Kooperation bedeutet auch Wertschätzung. Wir arbeiten mit Kolleginnen und Kollegen zusammen, weil wir ihre Haltung und Arbeit schätzen und sich gemeinsame Stärken potenzieren. In Arbeitsgemeinschaften, Wettbewerben oder Vergabeverfahren entstehen Synergien, Vertrauen, Netzwerke und oft auch Freundschaften.
Bei allen Neuerungen und Veränderungen ist es wichtig, dass die Transdisziplinarität im Vordergrund steht: Das WIR gewinnt. Nur durch eine sektoren- und disziplinübergreifende gemeinsame Zielsetzung und eine stärkere Zusammenarbeit aller Akteure können wir eine wirkliche Veränderung herbeiführen. Kollektiv, kooperativ und konstruktiv.
September 2024

STÄNDIG UND BESTÄNDIG
Der Begriff Nachhaltigkeit taucht aktuell in fast allen Lebensbereichen auf, sorgt für viel Diskussion, verlangt eine Reflexion des Bisherigen und regt gleichermaßen Fragen zu zukünftigem Verhalten an. Derzeit wird der Begriff inflationär verwendet und in seiner Bedeutung zunehmend überstrapaziert. Doch was bedeutet Nachhaltigkeit im Bauen und was bedeutet es konkret für uns?
Zum einen geht es um ressourcenschonendes und umweltbewusstes Bauen. Das betrifft in erster Linie die verwendeten Materialien, Techniken, Anfahrtswege, etc. – kurz: den messbaren ökologischen Fußabdruck – das nachhaltige Handeln. Zum anderen bedeutet es, zielgerichtete, durchdachte und dauerhafte Lösungen zu finden – nachhaltiges Denken. Hinzu kommt die soziale Komponente im Sinne eines bewussten Umgangs mit der gesellschaftlichen Verantwortung. Für uns haben wir einen Begriff gefunden, der besser unser Verständnis von Nachhaltigkeit im Bauen wiederspiegelt:
Beständigkeit.
Eine zukunftsfähige und nachhaltige Architektur braucht unserer Meinung nach einerseits eine beständige Arbeitsweise, die sich durch konsistentes und konsequentes, längerfristiges und zukunftsgerichtetes Denken und Handeln auszeichnet. Dafür müssen wir langfristig eine Balance aus Ausdauer, Resilienz und Belastbarkeit finden, zeitgleich flexibel bleiben und die Fähigkeit haben, auf neue Umstände und Probleme angemessen zu reagieren. Andererseits muss auch die gebaute Architektur durch Beständigkeit bestechen. Als Bestand von morgen muss alles neu gebaute eine lange und flexible Nutzung garantieren und einen zukünftigen Umbau schon mitdenken. Bestandsgebäude müssen in ihrer Wertigkeit erhalten werden und durch einen behutsamen und vorausschauenden Umgang weitere Umnutzungen und Umbauten zulassen können. Kreislauffähigkeit bezieht sich an dieser Stelle nicht nur auf die verbauten Materialien sondern auf die Wieder- und Weiterverwendbarkeit des gesamten Gebäudes. Ferner müssen die Möglichkeiten zur permanent erforderlichen Reparatur und Pflege der Bausubstanz von Beginn an mitbedacht werden.
Für die Zukunft wünschen wir uns Verständnis für Veränderung genauso wie eine Wertschätzung des Bestehenden, welches sich in unserer gebauten Umwelt widerspiegelt sowie einen politischen Rahmen und die Möglichkeiten für einen progressiven Wandel in der Baukultur.
April 2024

HALTUNG VOR HANDSCHRIFT
Die Architektur hat seit jeher eine besondere Stellung zwischen Kunst, Handwerk und Technik. Noch vor der Zeitenwende bezeichnete der römische Architekturtheoretiker Vitruv die Architektur als „Mutter aller Künste“. Der Renaissance-Künstler Michelangelo konnte nicht nur Marmor zum Leben erwecken und Gott an die Decke malen, sondern war auch einer der Baumeister des Petersdoms. Vom Mythos der Jahrtausende überladen, vererbt uns die Architektur neben dem Handwerkszeug auch ein Streben nach künstlerischer Erfüllung, Selbstverwirklichung und Alleinstellungsmerkmalen.
Unsere gebaute Umwelt besteht aber nicht nur aus herausragenden Sakralbauten, welche die Jahrhunderte überdauern, sondern größtenteils aus pragmatischen und funktionsorientierten Bauten. Spätestens seit der Industrialisierung existiert ein starker Fokus auf Funktionalität. Seitdem der Spruch „form follows function“ die Architektur prägt, müsste man meinen, die künstlerische Handschrift Einzelner sei von der Ingenieurskunst abgelöst worden und extravagante Wiedererkennungsmerkmale hätten ihren Platz verloren. Die megalomanischen Wolkenkratzer-Projekte und ‚Signature Buildings‘ vieler Star-Architekturbüros bezeugen das Gegenteil. Auch im Umgang mit dem Bestand, vor allem dem Abriss von nicht-geschütztem Bestand und anschließendem Neubau zeigt sich, dass die Handschrift häufig Vorrang vor dem Dagewesenen hat. In der Lehre und Erziehung wird häufig ein Rollenverständnis kommuniziert, welches Architektur als Autorenschaft begreift – das Werk als schöpferischer Akt. Stattdessen sollte die Rolle stärker als Vermittlungs- bzw. Moderationsaufgabe begriffen werden, bei welcher Inhalte verhandelt werden. Zeit für eine Lehrwende?
Aus Pragmatismus und Funktionalismus kann man einiges über Bescheidenheit lernen und daraus eine Haltung entwickeln – ein ehrliches Bekenntnis zu den Prinzipien der Nachhaltigkeit und einer Demut vor dem Bestand anstelle eines finanziellen und materiellen Mehraufwands als Beweis für individuelle künstlerische Genialität. Natürlich ist eine Handschrift nicht verkehrt, doch sollte sie niemals Vorrang vor der Haltung haben – auch Zurückhaltung kann zur Handschrift werden.
In Bezug auf das Bauen mit dem Bestand stellen sich die Fragen: Wann ist ein Umbau, eine Transformation oder eine Sanierung gelungen? Muss das sichtbar und vordergründig sein oder kann man durch Zurückhaltung zugunsten des Bestands die Handschrift vernachlässigen? Bei der Arbeit an einem herausragenden Gebäude wie der Neuen Nationalgalerie in Berlin fallen die Antworten auf diese Fragen sicherlich leichter als bei einem DDR-Plattenbau oder einer Bausünde der Postmoderne. Es gilt, eine Haltung zu entwickeln, die diesen Fragen angemessen begegnen kann. Haltung vor Handschrift!
Juli 2024

FUNCTION FOLLOWS FORM
Der berühmte Leitsatz „form follows function“ hat die Architektur des 20. Jahrhunderts geprägt wie kein anderer und zu einer Revolutionierung unserer Art und Weise zu Bauen geführt. Das Prinzip hat zu einer Reduzierung auf das Wesentliche und Funktionale geführt und die bis dato übliche Dekoration und Ornamentik aus den Neubauten verschwinden lassen.
Wir leben in einer gebauten Umwelt, bestehend aus verschieden Zeitschichten und müssen feststellen, dass dieser Grundsatz beim zeitgemäßen Umgang mit Bestandsgebäuden kaum noch anwendbar ist. Bauen im Bestand heißt Bauen mit dem Bestand. Eine neue Nutzung oder Nutzungserweiterung muss den Regeln und Gegebenheiten des Bestands folgen und darf ihn nicht übernutzen oder konterkarieren. Ist ein Umbau zu radikal, kann man nicht mehr von Bauen im Bestand sprechen – es handelt sich dann um Bauen gegen den Bestand oder einen Neubau im alten Kleid.
In einer Zeit, in welcher Abriss und Neubau zunehmend in Frage gestellt werden, stellen wir diesen Satz auf den Kopf: function follows form. Folgerichtig ergibt sich der Grundsatz, sich am Bestand zu orientieren und die Funktionalität eines Gebäudes nach den vorgefundenen Gegebenheiten zu richten. Analyse, Verständnis und Angemessenheit sind die Prinzipien, die dem Umgang mit dem Existierenden zugrunde gelegt werden müssen, damit eine bestandverträgliche Einordnung unter Maßgabe von Ressourcenschonung gelingt.
Mai 2024

Je oller, je doller!
Das Motto Je oller, je doller! steht für einen Perspektivwechsel in unserer Wahrnehmung von Bestandsarchitektur. Unsere Erfahrung ist, je älter das Gebäude, desto nachhaltiger und sortenreiner ist der Bau, umso mehr Freude macht es, das Gebäude weiter und wieder zu nutzen. Im Bestand zu bauen bedeutet, sich mit Gebäuden aus anderen Zeiten auseinanderzusetzen. Zeiten, in denen anders gedacht wurde und andere Ansprüche gegolten haben. Das erfordert Respekt und Demut und kann zu Reibungen führen. Doch wir können viel von ihnen lernen, denn der Umgang mit nachwachsenden natürlichen Rohstoffen und die simple Bauweise funktionierten wunderbar. Müssen wir ständig technisch hochrüsten oder können wir wieder einfacher bauen?
März 2023

Potenzial erkennen – Perspektiven aufzeigen – prozessorientiert denken.
Viele alte Gebäude werden wieder geschätzt. Klinkerfassaden und Industrieflair sind schick. Doch nicht alles, was alt ist, steht unter Denkmalschutz: Viele Gebäude, vor allem aus der Nachkriegszeit werden trotzdem abgerissen, obwohl sie durch die richtigen Umbaumaßnahmen weiter genutzt werden könnten. In jedem Bestandsgebäude stecken viele Möglichkeiten und jede Menge Potenzial, man muss nur die richtige Vision haben. Durch Studien und die Erarbeitung von Nutzungskonzepten können verschiedene Nach- und Umnutzungsperspektiven aufgezeigt werden und das alles, ohne am Gebäude zu rütteln. Es muss nicht immer alles auf einmal realisiert werden. Pioniernutzungen können das Gebäude beleben und alles kann Stück für Stück gemacht werden. Gebäude befinden sich immer in einem Prozess – der Weg ist das Ziel!
Zahlen und Fakten:
(Quelle: Statistisches Bundesamt 2020)
Durchschnittlich werden in Deutschland jährlich ca. 7000 Wohngebäude abgerissen.

Bestand erhalten – Rohstoffe nutzen – Kosten senken.
Wenn es um Bestandsgebäude geht, wird oft von grauer Energie gesprochen. Die Energie und Rohstoffe, die bereits in den Bau des Bestands geflossen sind und welche bei einem Abriss verloren gehen. Die für den Abriss aufgewendete Energie kommt zum Schutthaufen noch dazu. Durch die Nutzung des Bestands können die Rohbaukosten gesenkt werden und der CO2 Verbrauch deutlich reduziert werden. Der Begriff graue Energie klingt etwas trist, goldene Energie hingegen drückt den wahren Wert des Bestands aus. Sie ist das Potenzial und die Wertigkeit, die bereits im Gebäude stecken. Wie ein Rohdiamant, der auf den Schliff wartet!
Zahlen und Fakten:
(Quelle: BBSR 2020; dena 2021, Destatis 2002)
55% der Äbfälle in Deutschland sind Bau- und Abbruchabfälle.
Der jährliche Bauabfall Deutschlands entspricht dem Materialbedarf für 422.000 Wohneinheiten.
(Quelle: Kreislaufwirtschaft Bau 2021; Wuppertal Institut 2022)

Aufstocken – Mehrfachnutzungen – Zwischenräume begrünen.
Fast alle Großstädte stehen vor dem Problem der Platzknappheit. Hinzu kommt die zunehmende Grundflächenversiegelung und das, obwohl eine Begrünung der Innenstädte zwingend notwendig ist, um steigenden Temperaturen und sommerlicher Hitze entgegenzuwirken. Eine Lösung dafür ist das Aufstocken von Bestandsgebäuden. In Zukunft wird immer mehr in die Höhe gebaut werden müssen. Eine Aufstockung ist oft günstiger und ressourcenschonender als eine Unterkellerung und schafft dabei äußerst lebenswerten Wohnraum. Außerdem muss bei der Sanierung von Bestandsgebäuden auf Mehrfachnutzungen geachtet werden: Treppenhäuser und Fahrstuhlschächte können beispielsweise zusätzlichen Platz für integrierten Stauraum bieten. Es gilt, um die Ecke und nach oben zu denken!
Zahlen und Fakten:
(Quelle: TU Darmstadt/ISP/VHT 2019)
Nur durch Aufstockung können in Deutschland 2,4 Mio. Wohneinheiten geschaffen werden.

Hochwertiges Material – natürliche Rohstoffe – Rückbaufähigkeit.
Ob Sanierung, Modernisierung, Anbau oder Neubau: Um nachhaltig zu bauen, müssen die besten Materialien verwendet werden. Von historischen Bestandsgebäuden kann viel gelernt werden: Bewährte Baustoffe sind oft natürlich und nachwachsend (z. B. Holz, Lehm, Stroh). Sortenreine Materialien und Rückbaufähigkeit gewährleisten die Wiederverwendbarkeit von Baustoffen und eine zukünftige Nachnutzung. Durch das Verwenden hochwertiger Materialien und bewährter Methoden können zudem Betriebskosten reduziert werden. Nur das Nötigste und davon das Beste!
Zahlen und Fakten:
(Quelle: Wuppertal Institut)
In Deutschland sind 15,2 Milliarden Tonnen Material verbaut. Pro Person ist das ein Materialbestand von 185,8 Tonnen, der zu knapp 60 % in Wohngebäuden eingelagert ist.

Erhalt für die Zukunft – zeitgemäße Nutzung – Bauen im laufenden Betrieb.
Denkmalschutz trägt einen enormen Teil zum Erhalt von Bausubstanz bei. Einer zeitgemäßen Nutzung unter Berücksichtigung der wichtigen historischen gestalterischen Elemente steht nichts im Weg, das Konzept muss nur ausgereift sein. Eine Kombination aus Erhabenheit der alten Bausubstanz und Funktionalität der zeitgenössischen Nutzungen ist das Ziel. Denkmalpflege bedeutet sich kümmern: Ein Gebäude bedarf ständiger Pflege. Je länger man wartet, desto mehr Maßnahmen fallen an. Bauen im laufenden Betrieb und Reparieren sind Möglichkeiten, den Bestand zeitgemäß umzugestalten, ohne auf die Nutzung verzichten zu müssen. Wie wir jetzt bauen und umbauen, bestimmt das Erbe der Zukunft. Bauen mit Weitblick!
Zahlen und Fakten:
(Quelle: Staatsministerium für Kultur und Medien 2018; Destatis 2018)
In Deutschland stehen ca. 1 Mio. Gebäude unter Denkmalschutz, davon sind ca. ein Drittel gefährdet oder dringend sanierungsbedürftig.

Mission Baukultur
Architektur verändert: die Auftraggebenden und die Umgebung. Das heißt Verantwortung. Wir verstehen uns als Bindeglied zwischen den Vorstellungen unserer Kundschaft und zeitgenössischer Architektursprache.
Wir haben das Durchhaltevermögen und die Leichtigkeit, um unserer Kundschaft den Rücken frei zu halten. Projekte mit Tragweite – für Einzelne und die Gemeinschaft – sind unsere Motivation.
Egal welches Vorhaben wir planen, bei Qualität und Genauigkeit akzeptieren wir keine Schräglage. Ob Machbarkeit, Budget oder Zeitplan – niemand kann bei uns ruhig schlafen, bevor nicht alles im Lot ist.
Dabei sind Erfahrung, gepaart mit Innovation, Herz und Humor unsere Formel für den Erfolg. Für uns und unsere Kundschaft.